Aus: Merian 1/2006

Der florentinische Kultur-Schock

Auf der Spur des geheimnisvollen »Stendhal-Syndroms«: Eine Geisteskrankheit sagt viel über die verstörende Schönheit der Stadt aus

Text: Stefan Maiwald

Florenz befeuert die Phantasie: Sogar die Sprachschöpfer werden hier kreativ. Denn man hätte das Phänomen ja auch cultural overflow betiteln können. Focus hätte es bestimmt so genannt. Doch nein, der geheimnisvolle Kulturschock, der immer wieder ausländische Touristen vor großen Kunstwerken umkippen lässt, heißt ganz bezaubernd und sehr passend: »Stendhal-Syndrom«.

Folgendes war passiert. Der junge Schriftsteller und Ex-Soldat Marie-Henri Beyle arbeitete in der Militär- und Zivilverwaltung, als Napoleons Kaiserreich 1815 zusammenbrach. Er wurde auf halbe Bezüge gesetzt und bemühte sich um einen neuen Job, doch nicht mal als Aushilfsbibliothekar wollte ihn jemand haben. Also zog er nach Italien, wo ihm schon des Öfteren einige Damen den Kopf verdreht hatten - wenn schon arm, dann wenigstens glücklich, dachte er sich. Sogleich schrieb er das Reisebuch »Rome, Naples et Florence« und nannte sich erstmals Stendhal.

In dem Buch, erschienen 1817, erzählt Stendhal von seinen Erlebnissen in der Florentiner Franziskanerkirche Santa Croce. Und diese Kirche hat es in sich. Die sterblichen Überreste von Michelangelo, Macchiavelli und Galileo lagern hier (später sollte noch Rossini hinzukommen); drumherum bestaunen Besucher Giottos meisterhafte Fresken. Stendhal war begeistert. Ja, mehr als das: »Ich befand mich in einer Art Ekstase bei dem Gedanken, in Florenz und den Gräbern so vieler Großen so nahe zu sein. zu sein. Ich war in Bewunderung der erhabenen Schönheit versunken; ich sah sie aus nächster Nähe und berührte sie fast. Ich war auf dem Punkt der Begeisterung angelangt, wo sich die himmlischen Empfindungen, wie sie die Kunst bietet, mit leidenschaftlichen Gefühlen gatten. Als ich die Kirche verließ, klopfte mir das Herz; . mein Lebensquell war versiegt, und ich fürchtete umzufallen.« Halluzinierend und der Ohnmacht nahe, taumelte Stendhal an die frische Luft. Er brauchte einige Stunden, um sich wieder zu sammeln.

Nun reden ja auch die begnadetsten Schriftsteller immer etwas viel und neigen dazu, ihre Empfindungen im Übermaß herauszustreichen und beim Aufschreiben zu verklären. Kurz gesagt: Sie tun sich etwas dicke. Doch Lord Byron soll das Gleiche widerfahren sein. Auch Clara Schumann schien auf dünnem Eis zu wandeln, wie ihre Gastgeberin Lisl von Herzogenberg in einem Brief an Brahms berichtete: »Es ist mehrmals vorgekommen, dass wir sie, auf ihrem Hocker sitzend, vor einem Signorelli oder einem Verrocchio fanden, und dass sie sehr besorgt aussah und sich in banger Begeisterung die Hände rieb - sie wollte sich weder in ihre Gefühle hineinsteigern, noch wollte sie zulassen, dass ihr Innerstes, das so leicht zu erschüttern ist, aufgewühlt wird.«

Seit dem 19. Jahrhundert existieren verlässliche Aufzeichnungen von armen Tröpfen, die vor allem während des Besuchs der Uffizien in Ohnmacht fallen. Und pro Jahr werden gut ein Dutzend Patienten direkt von den Museen ins Hospital Santa Maria Nuova eingeliefert. Vom Pariser Louvre ist Vergleichbares nicht bekannt.

Die italienische Psychologin Graziella Magherini stieß 1979 auf die eigenartige Touristen-Malaise und beschrieb mehr als hundert ähnliche Fälle. Die häufigsten Symptome lauten: erhöhter Puls, Schwindelgefühl, Verwirrung, Halluzinationen, Ohnmacht. Professoressa Magherini fand auch einen hübschen Namen für die (stets harmlos verlaufende und schnell abklingende) Störung, hervorgerufen durch ein Übermaß an Kunst und Schönheit: Das Stendhal-Syndrom war geboren.

Italiener gehören nie zu den Betroffenen; sie sind Erhabenheit gewohnt. Japaner auch nicht: Ihre Sightseeing-Touren verlaufen so wohlorganisiert, dass kaum Zeit für emotionale Attacken bleibt. Amerikaner kippen dagegen leicht aus den Shorts, auch Deutsche und Engländer werden überproportional oft von kulturellem Herzrasen erpackt.

Warum das Stendhal-Syndrom so heißt, wäre also geklärt. Aber warum nannte sich eigentlich Stendhal Stendhal? Stammt es tatsächlich von dem Ort Stendal im heutigen Sachsen-Anhalt? Beyle soll es aus Verehrung für Johann Joachim Winckelmann gewählt haben, der dort geboren wurde. Nach anderen Quellen soll Beyle den Künstlernamen nur deshalb gewählt haben, weil seine Familie in Stendal ein Landgut besaß. Aber wie hat sich dann das »h« hineingemogelt? Eine weitere Theorie besagt, »Stendhal« sei das Anagramm zu »Shetland«, was zweifellos korrekt ist, aber noch längst keine hinreichende Erklärung liefert, zumal Stendhal nie auf den Shetland-Inseln war, nie darüber geschrieben, nie davon gesprochen hat.

Die Sache mit dem Syndrom ist passenderweise ebenfalls etwas mysteriös. Zunächst einmal gilt Professoressa Magherini, inzwischen Präsidentin der »Associazione Arte e Psicologia«, als eisenharte Freudianerin. Auch über Freud wird ja viel gelächelt mittlerweile. Waren einige der Freudschen Theorien (siehe Penisneid, Traumdeutung) nicht selbst die größte Freudsche Fehlleistung der Geschichte? Und so soll auch das Stendhal-Syndrom, vorsichtig gesagt, in der psychologischen Literatur etwas übertrieben dargestellt worden sein. Ist die geheimnisvolle Umnachtung vielleicht nichts als ein Hitzeschlag? Dehydrierung durch Schlangestehen? Ohnmacht durch sinkenden Zuckerspiegel oder schlechte Luft? Viele der Symptome erinnern auch an klassische Platzangst. All das kann den Kunstfreund schon einmal befallen, wenn er fünf Stunden, eingezwängt zwischen lärmenden Reisegruppen, für die Uffizien ansteht, die Sonne vom Himmel brennt, der Asphalt vor Hitze flirrt und der Sauerstoff knapp wird. Ist der Schwindel nur ein Schwindel?

Das »Jerusalem-Syndrom« ist jedenfalls unumstrittener: Pilger sind von der göttlichen Atmosphäre der Stadt so überwältigt, dass sie sich die Kleider vom Leib reißen und als Messias durch die Straßen taumeln. Mehrere hundert Fälle der Heilands-Anwandlungen im Heiligen Land sind zweifelsfrei bestätigt. Die wahnsinnig Gläubigen können schnell durch Verschickung in die Heimat kuriert werden.

Was war es aber, das den armen Stendhal, damals 34 Jahre alt und gestählt durch Kriegsabenteuer in Deutschland, Italien und Russland, in Santa Croce dermaßen umhaute? Die Fresken von Großmeister Giotto di Bondone schmücken die Kirche, in Auftrag gegeben von reichen Bankiers und Kaufleuten, die sich mit dem Handel Geld gegen Kunst einen astreinen Freibrief in Richtung Paradies erhofften. Giotto, heutzutage eine klebrige Süßigkeit, war die Initialzündung der Renaissance; er verabschiedete sich von der mittelalterlichen Malerei, stellte die Personen figürlicher und natürlicher da, beachtete Licht und Schatten und experimentierte schon mit Perspektive. Die Fresken in der Bardi-Kapelle, die er um 1313 schuf, gehören zu den Eindrucksvollsten: Giotto zeigt das Leben des Franz von Assisi. Im Gegensatz zu den geläufigen Darstellungen des Heiligen und eigenen früheren Werken portraitierte Giotto ihn hier ohne Bart. Warum? Darum: Wallendes Gesichtshaar galt als Zeichen der Armut, das rasierte Antlitz dagegen als Privileg eines Sohnes aus gutem Hause. Das hat der Bankiersfamilie gut gefallen. Franz sollte ja im Laufe seines Lebens allen irdischen Gütern entsagen, und die Bardis gingen einen ähnlichen Weg, wenn auch unfreiwillig: Dreißig Jahre nach den Giotto-Meisterwerken war ihre Bank pleite.

Wer sich für psychisch labil und irgendwie stendhalesk veranlagt hält, kann sich Giottos Fresken gefahrlos im Internet anschauen und einen eventuellen Sinnestaumel im eigenen Wohnzimmer ausleben - die Web Gallery of Art macht es möglich. Direkt zu Santa Croce geht es unter www.wga.hu/frames-e.html?/html/g/giotto/s_croce

Nehmen wir nun einfach mal an, das Stendhal-Syndrom sei eine tatsächliche und ernst zu nehmende psychosomatische Krankheit. Dann lauten die entscheidenden Fragen:

Aber Kunsthistoriker verhalten sich zu Kunstliebhabern wie Drogenberater zu Süchtigen. Manche von ihnen werden nie verstehen, was man bei dem Anblick großer Werke empfinden kann. Ihre déformation professionelle erlaubt ihnen bloß noch den abschätzenden (und mitunter abschätzigen) Kennerblick. Auch Gourmetkritiker können ja kein Essen mehr genießen, sondern fragen sich stattdessen dauernd: Wie hat der Koch das bloß gemacht? Safran? Thymian? Kunsthistoriker finden Florenz interessant . Kunstliebhaber - ja überhaupt Liebhaber des Guten, Schönen, Wahren - wollen aus dieser Stadt, Schwindel hin oder her, nimmermehr weg.

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