Aus: SZ-Magazin 22/2005

Das Trauma vom Fliegen

von Stefan Maiwald

Dies ist die Geschichte eines Menschen, der unter Flugangst litt. Dies ist die Geschichte eines Menschen, der trotzdem mit 29 Jahren Chefredakteur der Reisezeitschrift Globo wurde. Dies ist die Geschichte eines Menschen, der als Reisejournalist arbeitet und mit Auto, Zug und Fähre reist. Dies ist meine Geschichte.

Ich habe meine Flugangst auf sehr einfache Weise besiegt: Ich fliege nicht mehr. Als ich mich zu diesem Schritt entschloss, dachte ich zuerst an eine kleine, hübsche Story, die mir weitere Erklärungen ersparen könnte, etwa folgende: Mein Onkel hatte eine kleine Cessna. Vor ein paar Jahren flogen er und ich durch den klaren Himmel Niedersachsens. Dann begann der Propeller zu stottern. Dann setzte er aus. Nirgends war Platz zu landen, wir rasten auf einen frisch gefurchten Spargelacker zu, überschlugen uns mehrmals, überlebten wie durch ein Wunder und krabbelten, nur mit ein paar tiefen Schnittwunden und blauen Flecken, aber fürs Leben traumatisiert, aus dem Wrack.

Nein, es gab ein solches Erlebnis nicht. Meinen letzten Flug unternahm ich im Oktober 1997. Ich kehrte aus London zurück, wo ich für den Playboy eine Reportage über Windhunderennen recherchiert hatte. Es war schon Abend, als das Flugzeug auf die Piste rollte, eine Reisegruppe aus dem Westfälischen schnatterte vergnügt und freute sich auf den Piccolo-Sekt. Dann fiel das Licht aus. Dass das Licht beim Start immer ausgemacht wird, erfuhr ich erst Jahre später. Ich dachte, das Flugzeug hätte Probleme mit der Elektronik, der Pilot würde aber dennoch den Start riskieren, um keinen Ärger mit den Chefs zu bekommen. Dann fing einer aus der Reisegruppe an, in der dunklen Maschine mit Blitzlicht die lachende Westfalen-Meute zu fotografieren. Ich sah die Fotos schon mit verkokelten Rändern in Bild , unter der Überschrift SO GLÜCKLICH FLOGEN SIE IN DEN TOD.

Weil meine Flugweigerung branchenweit bekannt ist, entsteht auf Empfängen irgendwelcher Touristik-PR-Agenturen daraus gern das zentrale Gesprächsthema. Dabei werde ich immer mit den gleichen Sprüchen konfrontiert, etwa dem hier: "Das Gefährlichste am Fliegen ist die Autofahrt zum Flughafen." Aber stimmt das denn? Nein, denn leider beruht die vermeintliche Sicherheit in der Luft auf einem statistischen Trick. Unbestritten ist lediglich, dass das Auto der Killer Nummer Eins ist. Zählt man weltweit die Todesopfer des Bahn- und des Luftverkehrs zusammen und teilt die Zahl durch die zurückgelegten Passagierkilometer, so ergeben sich bei der Bahn 9 Todesopfer pro 10 Milliarden Passagierkilometer, beim Flugzeug nur 3 Todesopfer. Teilt man die Zahl der Opfer aber durch die Passagierstunden , gibt mir die Statistik recht. Bei der Bahn kommen 7 Todesopfer auf 100 Millionen Passagierstunden, beim Flugzeug aber 24 Todesopfer. Die Gefahr, die nächste Stunde nicht zu überleben, ist im Flugzeug mehr als dreimal größer als im Zug.

Und so wie andere Menschen Zitate von schlauen Menschen bemühen, um ihre Argumentation zu unterfüttern, nenne ich bekannte, große Menschen, die entweder unter Flugangst leiden oder, besser noch, unter waschechter Flugverweigerung. Das beste Beispiel ist der Holländer Dennis Bergkamp, der Offensivspieler von Arsenal London, der dreimal zum Weltfußballer des Jahres nominiert war und seit 1994 nicht mehr fliegt. Wenn Arsenal in der Champions League in Spanien antreten muss, bleibt er daheim. Cure -Sänger Robert Smith sollte nach Australien auf Tournee und weigerte sich jahrelang. In die USA fuhr die Band noch mit dem Schiff, aber wie kommt man in überschaubarer Zeit von London nach Sydney? Erst eine Petition mit 38.000 Unterschriften australischer Fans konnte ihn bewegen, ins Flugzeug zu steigen. Während des Fluges hielt Manager Robert Rigby Smiths Hand - "zumindest die wenigen Stunden, in denen er bei Bewusstsein war", so Rigby. Denn Smith trank vor dem Boarding fünf Brandys und nahm Rohypnol-Tabletten; Bassist Simon Gallup, ebenfalls ein eingefleischter Flugverweigerer, wählte die konservativere Variante und trank zwei Flaschen Chardonnay.

Sänger R. Kelly stimmt seine Europatourneen mit dem Transatlantik-Fahrplan der Queen Mary II ab. Der Mann, dessen größter Hit "I Believe I Can Fly" heißt, tut eben jenes nicht, und zwar nicht erst, seit seine Ex-Frau Aaliyah bei einem Flugzeugunglück in der Karibik ums Leben kam. Als ihn seine Plattenfirma Jive endlich so weit hatte, einmal eine Ausnahme zu machen und mit der Concorde nach London zu kommen, stürzte drei Tage später die als nicht abstürzbar geltende Überschallmaschine in Paris ab. Niemand überlebte, R. Kelly zerriss die Tickets und blieb in den USA. Zu den Menschen mit entsetzlicher Flugangst gehören auch Lars von Trier ("es ist sehr wichtig, nicht zu fliegen"), Drew Barrymore, Til Schweiger und, schau an, Michael Schumacher. Barrymore versuchte es sogar mit Konfrontationstherapie und meldete sich zu einem Fallschirmkurs an. Im Tandem mit ihrem Lehrer sprang sie aus 3.000 Metern ab. "Ich dachte mir: Ist es möglich, an reiner Angst zu sterben?" erzählte sie hinterher. Der gewünschte Effekt blieb aus, ihre Flugangst verschlimmerte sich nur noch.

Dennis Bergkamp ist einer der besten Fußballer der letzten zwei Jahrzehnte. Lars von Trier gilt als der derzeit wichtigste europäische Regisseur. The Cure veröffentlichten gerade, nach mehrjähriger Pause, eine neue Platte, die euphorische Kritiken erhielt. Man kann es also, auch wenn man aufs Fliegen verzichtet, weit bringen. Sogar zum kommunistischen Diktator: Josef Stalin nahm wegen seiner Flugangst nicht an der kriegswichtigen Konferenz von Casablanca im Januar 1943 teil, Churchill und Roosevelt blieben unter sich. Zur Siegerkonferenz in Jalta 1945 verspätete er sich, weil er auf dem Landweg anreiste. Der bizarre Kim Jong Il aus Nordkorea brauchte für den Besuch bei Wladimir Putin zwei Wochen, denn er fuhr die Strecke quer durch elf Zeitzonen mit der Eisenbahn.

Ich hatte nicht immer Scheu vorm Sujet, im Gegenteil: Als 15-Jähriger war ich begeisterter Modellbastler und hatte, wie wir damals sagten, den Zweiten Weltkrieg komplett. Im Maßstab 1:72 besaß ich sämtliche verfügbaren Flugzeugmodelle, konnte kenntnisreich über die Unterschiede zwischen der Messerschmitt 109 und der Focke-Wulf 190 referieren und wusste, warum die Spitfire der Hawker Hurricane überlegen war. Ich las die Biographien großer Kriegspiloten, und meine Lieblingssüßigkeit war die Luftschokolade Aero. Dennoch: Irgendwann bekam ich sie, die Flugangst. Sie sprang mich an wie eine Kinderkrankheit und steigerte sich von Flug zu Flug. Bis ich mir irgendwann dachte, dass englische Windhunde das einfach nicht wert sind. Bei meinem letzten Flug konzentrierte ich mich beim Start auf das Streiflicht der Süddeutschen . Dann auf den ersten Satz. Dann auf den ersten Buchstaben. Als wir in der Luft waren und die Boeing 737 sich bereit machte, aus maximaler Flughöhe mit mir abzustürzen, war die Druckerschwärze des Streiflichts von meinem Daumen bis auf den Unterarm gelaufen.

Offizielle Statistiken sprechen von rund 40 Prozent Flugängstlichen; interne Untersuchungen von Fluggesellschaften berichten dagegen von bis zu 80 Prozent der Reisenden, die ein mehr oder weniger übles Gefühl haben. Flugzeuge sind also Vollversammlungen zitternder, Wodka aufstoßender, in ihre Polstersessel schwitzender Kreaturen. Um diese lauernde Angst nicht zu einer veritablen Panik zu steigern, werden in Bordmagazinen zweifelhafte Vokabeln tunlichst vermieden. So darf kein Autor schreiben, er sei in einer Bar "abgestürzt", und auch sonst sollten keine "turbulente Szenen", "Explosionen" oder "Brandherde" vorkommen.

Noch besser: Viele Kinofilme werden fürs Abspielen an Bord massiv geschnitten. Ein krasses Beispiel ist der "Englische Patient" . Wer sich wundern sollte, warum Kristin Scott-Thomas plötzlich schwer verletzt in einer Höhle liegt, sollte sich den Film lieber auf DVD ausleihen. Auch in "Sechs Tage, sieben Nächte" wird in der Airline-Fassung nicht erklärt, wie es Harrison Ford und Anne Heche eigentlich auf diese einsame Insel verschlagen hat. Vor Probleme stellt die Schneider James Bond, wo ja ständig ein Fluggerät vom Himmel fällt. Der letzte Film "Stirb an einem anderen Tag" endet mit einer fast zwanzigminütigen Sequenz, in der ein Jumbo Jet nach und nach im Flug zerfetzt wird. "Wir konnten ja schlecht das komplette Ende herausschneiden", so Vinnie Laino von MGM. "Also holten wir aus der Digitaltechnik alles Machbare heraus. Wir haben die Löcher an der Außenhülle des Jumbos geflickt, die Flammen unterdrückt und den abschließenden Crash in einen Berg herausgeschnitten. Die Sequenz ist jetzt deutlich kürzer, aber der Film funktioniert immer noch."

Mit Flugangst muss man eben sensibel umgehen, wie auch Pacific Airlines (PAL) herausfand. PAL engagierte 1967 den Satiriker Stan Freberg für eine Werbekampagne. Freberg schlug vor, ausgerechnet auf das Tabuthema abzuzielen. Also schaltete PAL ganzseitige Anzeigen in diversen Zeitungen: "Hey Sie! Ja, Sie mit den verschwitzten Handflächen! Es wird Zeit, dass eine Fluggesellschaft es endlich zugibt: Die meisten Menschen haben heftige Angst vorm Fliegen. Ganz tief drinnen, wenn dieses große, schwere Flugzeug abhebt, glauben sie: Das war's jetzt. Kumpel, wissen Sie was? Den Piloten geht es, ganz tief drinnen, nicht anders!" Die Stewardessen händigten auf Frebergs Initiative "Survival Kits" aus, in denen Hasenpfoten lagen sowie die Broschüre Die Macht des positiven Denkens . Die Stewardessen waren angewiesen, bei der Landung auszurufen: "Wir haben es geschafft! Unglaublich!"

Zwei Monate nach dem Start der Kampagne war PAL bankrott.

Oft wurde mir schon vorgeschlagen, ein Flugangst-Seminar (genauer wohl: Ein Anti-Flugangst-Seminar) zu besuchen, und unter den zahlreichen Ironien des Schicksals, die mein Leben ohne das Fliegen begleiten, befindet sich auch jene, dass direkt über mir die Chefin eines großen Anti-Flugangst-Seminar-Veranstalters wohnt. Aber Flugangst-Seminare sind nichts für mich. Zum einen muss man in ihnen fliegen. Zum anderen wird einem dort dauernd erzählt (so berichteten mir jedenfalls Teilnehmer), dass Flugzeuge nicht abstürzen können, weil sie, selbst wenn alle vier Triebwerke ausfallen, noch friedlich zu Boden gleiten könnten. Entschuldigung, aber wie viele Fälle von friedlich zu Boden gleitenden Flugzeugen gab es in der Geschichte der Luftfahrt? Nein, Flugzeuge explodieren, kollidieren, werden von fehlgeleiteten Raketen getroffen oder zu Attentaten missbraucht, stürzen wie Steine zu Boden oder schalten gar, wie im Fall des Lauda-Air-Absturzes am 26. Mai 1991, bei voller Reisegeschwindigkeit die Schubumkehr ein.

Noch ein paar Anekdoten aus dem Reich des Todes: In Indien ist es vorgekommen, dass Piloten sich weigerten, den Anweisungen des Towers zu folgen, weil die Lotsen einer niederen Kaste angehörten. In Brasilien stürzte ein Jet ab, weil der Pilot im Radio ein Fußballspiel verfolgte und gedankenverloren den falschen Kurs eingab. Und in Europa, so erzählt ein deutscher Pilot, der aus nahe liegenden Gründen nicht genannt werden will, sei ausgerechnet Air France eine ziemlich problematische Fluglinie, und zwar deshalb, weil die Piloten so wahnsinnig schlecht Englisch sprächen. Um diese Aussage nicht justiziabel im Raum stehen zu lassen: Alle Statistiken zeigen natürlich, dass Air France eine der sichersten Fluglinien überhaupt ist, ebenso wie die Lufthansa. Dennoch mussten am 20. Dezember 2002 zwei Lufthansa-Piloten in Helsinki aus dem Cockpit entfernt werden. Sie wollten betrunken mit 120 Passagieren an Bord zurück nach Frankfurt fliegen.

Ein italienischer Pilot berichtete mir übrigens, dass auch viele Piloten unter Flugangst leiden. "Ein Männlichkeitsding. Sie sehen es als besondere Herausforderung, diesen Beruf zu ergreifen." Einer seiner Kollegen hätte sich noch bei der finalen praktischen Prüfung (die er bestand) übergeben müssen - nicht aus Angst vorm Scheitern, sondern aus Angst vorm Fliegen.

Flugangst-Seminar-Psychologen behaupten ja, man müsse seine Angst unter allen Umständen überwinden. Man müsse sich seiner Furcht stellen. Das erinnert mich an den Extrem-Bergsteiger, den ich einmal fragte, warum er sich in Lebensgefahr begebe, nur um einen achttausend Meter hohen Gesteinsbrocken zu erklimmen. "Weil er da ist", antwortete er mir. "Das sind die Fernbedienung und die Flasche Bier aber auch", sagte ich.

Nein, danke. Denjenigen, die behaupten, ich würde was "verpassen", antworte ich wahr und klar: Allein zwischen München und Rom gibt es so viele Orte zu entdecken, dass das ganze Leben nicht dazu ausreicht. Ich will nicht glauben, dass zwei Wochen Strandurlaub auf Mauritius mein Dasein nachhaltig bereichern würden. Zudem finde ich, es tut gut, unter einer Angst zu leiden, denn das schärft die Sinne.

"Flugangst ist ein Zeichen von Intelligenz", sagt denn auch der englische Psychologe Karl Morris. "Menschen, die darunter leiden, verfügen fast immer über ein äußerst kreatives Vorstellungsvermögen." Deswegen sind wohl so viele Schriftsteller betroffen, etwa der hiesige Kolumnist Axel Hacke oder die Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy. Stephen King meidet Flüge und stellt sich in seinen Alpträumen vor, dass die Stewardessen in der Luft die Gepäckklappen öffnen, und aus dem Stauraum ergießen sich Tausende von Ratten.

Ich behaupte, dass keine zweitausend Menschen in Deutschland wirklich und unabdingbar aufs Fliegen angewiesen sind. Selbst ich als Reisejournalist komme ohne aus. Wenn ich nach Schottland muss, fahre ich mit dem Zug, nach Portugal und Sizilien mit dem Auto. Über den Atlantik fahren praktisch täglich Schiffe, und selbst nach Mallorca braucht man nicht mehr als eine Nacht und einen Tag. Von München nach London fährt ein Zug (zweimal umsteigen) in 9 Stunden, 57 Minuten. Wenn Sie das nicht nur mit der Flugzeit vergleichen, sondern auch mit der elendigen Anfahrt zu den jeweiligen Flughäfen, werden Sie merken: Sie verlieren nicht einmal viel Zeit. Sollten Sie unter Flugangst leiden, lautet daher mein Tipp: Fliegen Sie nicht mehr. Und werden Sie ein glücklicher Mensch.

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